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Scaffolding im Englischunterricht: Lerneinheiten mit KI, die Hilfe Stufe für Stufe zurücknehmen

Vier Stufen beim simple past: Mustersatz, Lücke mit Infinitiv, Lücke mit Bildhinweis, leeres Blatt. Darunter ein Baugerüst, das von Stufe zu Stufe kleiner wird und am Ende fehlt.

Im Beitrag Scaffolding mit KI ging es um KI-Tutoren, die nicht vorsagen. Ab jetzt folgen Beiträge für einzelne Fachschaften, den Anfang macht Englisch. Es geht um die ganze Lerneinheit: Wie baut man ein digitales Selbstlernformat, das Hilfe gibt und Stufe für Stufe wieder zurücknimmt? Die Beispiele sind die Aussprache des TH und das simple past, die drei Prompts weiter unten kannst du direkt kopieren.

Das Gerüst wird wieder abgebaut

Scaffolding heißt Baugerüst. Gemeint ist Hilfe in Lew Wygotskis Zone der nächsten Entwicklung, also dort, wo ein Schüler eine Aufgabe mit Unterstützung schafft, allein aber noch nicht. Von Förderung im Allgemeinen unterscheidet sich Scaffolding durch den Abbau der Hilfe. In der Fachliteratur heißt das Fading: Sobald ein Schüler eine Stufe sicher beherrscht, wird die Unterstützung zurückgenommen. Bleibt sie dauerhaft stehen, lernt er vor allem, sich auf sie zu verlassen.

Maria Montessoris Grundsatz „Hilf mir, es selbst zu tun“ beschreibt dieselbe Haltung. Scaffolding übersetzt sie in Schritte und legt fest, wann welche Hilfe kommt und wann sie wieder verschwindet. Mit dem sokratischen Gespräch verhält es sich anders. Fragen, die zum eigenen Denken führen, funktionieren gut, wenn Vorwissen da ist. Wer bei null anfängt, kann mit der dritten Rückfrage nichts anfangen und braucht zuerst ein Beispiel, ein Modell oder einen Satzanfang.

Wie das im Englischunterricht aussieht

Eine Einheit mit Scaffolding folgt einer erkennbaren Abfolge: vormachen, gemeinsam üben, mit Hilfe üben, allein anwenden. In der englischsprachigen Didaktik ist das als „I do, we do, you do“ bekannt. Die Hilfen werden dabei von Aufgabe zu Aufgabe dünner. Beim simple past in Klasse 6 sieht das so aus:

  1. Ein vollständiger Mustersatz: Yesterday I played football. Die Endung ist markiert.
  2. Lückensätze mit Infinitiv in Klammern: Last week we ___ (visit) my grandma.
  3. Lückensätze ohne Infinitiv, nur mit einem Bild als Hinweis.
  4. Ein eigener Text über das letzte Wochenende, ohne Vorgaben.

Die unregelmäßigen Verben bekommen eine eigene Liste, die bei Aufgabe 2 aufgeklappt ist und bei Aufgabe 4 nur noch auf Knopfdruck erscheint.

Gegenüber dem Arbeitsblatt hat ein digitales Format einen Vorteil: Hilfen bleiben versteckt, bis jemand sie anfordert. Ein Tipp-Button, der in drei Stufen aufklappt, ist Scaffolding in seiner einfachsten Form. Das Werkzeug kann außerdem anzeigen, wer welche Stufe gebraucht hat. Für den Lehrer ist das eine wertvolle Information, denn wer bei Aufgabe 4 noch Stufe 3 braucht, ist nicht so weit, wie die richtige Lösung vermuten lässt.

Beispiel: das englische TH

Das TH ist für deutsche Schüler eine klassische Hürde, die oft noch in Klasse 5 und 6 auftaucht. Es gibt zwei Laute, stimmlos wie in think, three, thanks und stimmhaft wie in the, this, mother. Ersetzt wird das TH gern durch s, f, d oder z, dann wird aus think ein sink. Eine interaktive Lerneinheit kann das in sechs Schritten aufbauen.

  1. Einstieg: Die Schüler hören think und sink und tippen an, welches Wort gemeint war. Viele merken hier zum ersten Mal, dass es überhaupt einen Unterschied gibt.
  2. Modell: Eine Animation zeigt in der Seitenansicht die Zungenspitze zwischen den Zähnen, dazu kommt der Laut über die Sprachausgabe. Der Vergleich mit dem deutschen S macht den Unterschied sichtbar.
  3. Geführte Übung: Minimalpaare wie thin/sin, three/free, they/day. Die Schüler hören und ordnen zu, die Rückmeldung kommt sofort. Die Zungen-Animation bleibt als Hilfe eingeblendet.
  4. Partnerübung: Ein kurzer Dialog mit vielen TH-Wörtern („Thanks for the three things …“), den zwei Schüler sich gegenseitig vorlesen. Der Partner hört mit einer Checkliste zu. Die Animation lässt sich jetzt nur noch per Knopfdruck aufrufen.
  5. Eigenständige Anwendung: Der Schüler nimmt einen Zungenbrecher auf und vergleicht ihn mit dem Vorbild. Hilfen gibt es keine mehr.
  6. Reflexion: Welcher der beiden Laute fällt mir schwerer? Danach geht es wahlweise in eine Wiederholung oder in einen Vertiefungsteil zum stimmhaften TH.

Die Anweisungen sind auf Deutsch, die Übungsinhalte auf Englisch. Sechs Schritte sind keine Vorgabe. Worauf es ankommt, ist die Abfolge vom Modell über die geführte Übung bis zur freien Anwendung.

Zur automatischen Aussprachebewertung eine Warnung: Grünes oder oranges Feedback auf gesprochene Wörter klingt verlockend, setzt aber Spracherkennung voraus. Die Spracherkennung im Browser (Web Speech API) schickt in Chrome die Aufnahmen an Server von Google, und bei Schülerstimmen ist das ein Datenschutzproblem. Sinnvoller ist die Kombination aus Hören und Zuordnen, das sich zuverlässig automatisch auswerten lässt, und einer eigenen Aufnahme, die im Browser bleibt. Das Sprechen beurteilt ohnehin ein Mitschüler mit Checkliste besser als eine Maschine.

Prompts zum Kopieren

Die Platzhalter in eckigen Klammern ersetzt du durch deine eigenen Angaben. Die Prompts funktionieren mit ChatGPT, Claude, Gemini oder Le Chat. Alle drei sind für deine Vorbereitung gedacht, Schülerdaten gehören nicht hinein. Einen Tutor-Prompt, mit dem Schüler selbst arbeiten, findest du im Beitrag Scaffolding mit KI.

Prompt 1: Eine Lerneinheit mit Scaffolding planen

Du bist erfahrener Englischlehrer an einer [Schulart] in [Bundesland]. Plane eine Lerneinheit zum Thema [z. B. simple past, going-to-future, TH-Aussprache, Wegbeschreibung] für Klasse [Stufe], Dauer [Anzahl] Minuten.

Baue die Einheit nach dem Scaffolding-Prinzip auf:
1. Aktivierung des Vorwissens
2. Modell: Der Lehrer oder das Material macht es vor
3. Gemeinsame Übung
4. Übung mit gestuften Hilfen (Wortliste, Satzanfänge, Infinitiv in Klammern), die von Aufgabe zu Aufgabe weniger werden
5. Eigenständige Anwendung ohne Hilfen, möglichst mündlich oder als kurzer eigener Text
6. Reflexion

Gib zu jedem Schritt an: was die Schüler tun, welches Material sie brauchen, welche Hilfe es gibt und woran ich erkenne, dass ein Schüler bereit für den nächsten Schritt ist.
Arbeitsanweisungen auf Deutsch, Übungsinhalte auf Englisch, Wortschatz passend zu Klasse [Stufe].

Ausgangslage der Klasse: [z. B. sehr heterogen, drei Schüler mit LRS, Lehrwerk Green Line 2].
Lernziel laut Lehrplan: [Lernbereich und Lernziel einfügen]. Prüfe am Ende, ob die Einheit dieses Ziel erreicht.

Prompt 2: Eine Aufgabe in Hilfestufen zerlegen

Hier ist eine Aufgabe aus meinem Englischunterricht:
[Aufgabe einfügen, z. B. „Schreibe fünf Sätze darüber, was du letztes Wochenende gemacht hast.“]

Zielgruppe: Klasse [Stufe].

Erstelle dazu drei Hilfestufen, die ein Schüler nacheinander aufdecken kann:
- Stufe 1: eine Frage oder ein Bildimpuls, der die Lösung nicht verrät
- Stufe 2: ein Mustersatz oder eine Wortliste mit den nötigen Verben
- Stufe 3: Satzanfänge, die der Schüler nur noch zu Ende schreibt

Schreib die Hilfen auf Deutsch, in einfacher Sprache und direkt an den Schüler gerichtet. Englische Beispiele nur mit Wortschatz aus Klasse [Stufe].
Erstelle außerdem zwei Folgeaufgaben mit gleichem Schwierigkeitsgrad: eine mit nur noch Hilfestufe 1, eine ganz ohne Hilfe.

Prompt 3: Die TH-Lerneinheit als interaktive Webseite bauen

Diesen Prompt gibst du einer KI, die Code schreiben kann. Heraus kommt eine einzelne HTML-Datei, die du im Browser öffnest oder auf den Schultablets ablegst.

Erstelle eine interaktive Lerneinheit als eine einzige HTML-Datei für Schüler der Klasse 5/6 zum englischen TH (stimmlos wie in think, stimmhaft wie in the).

Aufbau in sechs Schritten, jeder als eigener Bildschirm mit Weiter-Button:
1. Einstieg: Hörbeispiel think/sink, der Schüler wählt, welches Wort er gehört hat.
2. Modell: animierte Seitenansicht von Zunge und Zähnen beim TH im Vergleich zum deutschen S, dazu Sprachausgabe.
3. Geführte Übung: sechs Minimalpaare (thin/sin, three/free, they/day …) hören und zuordnen, sofortiges Feedback, Hilfe-Animation sichtbar.
4. Partnerübung: kurzer Dialog mit vielen TH-Wörtern zum gegenseitigen Vorlesen, Checkliste für den zuhörenden Partner, Hilfe nur noch auf Knopfdruck.
5. Anwendung: Zungenbrecher aufnehmen und mit dem Vorbild vergleichen, keine Hilfen.
6. Reflexion: Welcher Laut fällt mir schwerer? Danach Auswahl zwischen Wiederholung und Vertiefung zum stimmhaften TH.

Technische Vorgaben:
- Anweisungen auf Deutsch, Übungsinhalte auf Englisch.
- Sprachausgabe über speechSynthesis, englische Stimme bevorzugen.
- Aufnahme mit MediaRecorder; die Aufnahme bleibt im Browser und wird nirgends hochgeladen.
- Keine Spracherkennung, keine externen Bibliotheken, keine CDNs, keine Google Fonts, kein Tracking.
- Animationen in CSS oder SVG, unabhängig von der Systemeinstellung „Bewegung reduzieren“.
- Für Tablets geeignet, mit großen Bedienelementen.

Datenschutz

Solange du mit diesen Prompts nur Material vorbereitest, landen keine Schülerdaten bei einem KI-Anbieter. Bei der fertigen Lerneinheit kommt es darauf an, was sie speichert. Hält sie fest, wer welche Hilfestufe gebraucht hat, und verbindet das mit Namen, sind das personenbezogene Daten, und dafür braucht es eine Rechtsgrundlage. Speichert die Seite nichts oder nur auf dem Gerät des Schülers, ist das Thema erledigt. Wer Schüler zusätzlich mit einem KI-Assistenten arbeiten lässt, braucht eine Schulplattform mit Auftragsverarbeitungsvertrag, mehr dazu im ersten Beitrag.

Die Grenzen

Scaffolding verrät nicht, warum ein Schüler hängt. KI erkennt, an welcher Stelle jemand stockt, aber ob fehlendes Vorwissen dahintersteckt, mangelnde Konzentration oder ein schlechter Morgen, muss der Lehrer herausfinden. Auch Motivation und das Lernen miteinander kann ein digitales Werkzeug nur begrenzt leisten. Deshalb steht im TH-Beispiel in Schritt 4 eine Partnerübung statt eines weiteren Bildschirms.

Ein praktisches Problem kommt dazu: Hilfen, die jederzeit verfügbar sind, werden auch genutzt. Manche Schüler klicken sich durch alle drei Stufen, bevor sie selbst nachdenken. Es hilft, wenn eine Hilfe erst nach einem eigenen Versuch freigeschaltet wird oder eine kurze Wartezeit hat.

Zum Ausprobieren

Am schnellsten zeigt Prompt 2, ob das Prinzip in deiner Klasse trägt. Eine einzige Schreibaufgabe in drei Hilfestufen zu zerlegen dauert zehn Minuten, und in der nächsten Stunde siehst du, welche Stufe die Schüler tatsächlich brauchen.

Demnächst in dieser Reihe: Scaffolding im Informatikunterricht, mit Beispielen aus meinem eigenen Unterricht an der Oberschule.